Rezension

 

Rezension: Reinhard F. E. Althoff (2019): Das grüne Velourssofa. Einsichten und Perspektiven aus einer kritischen Biografiearbeit. ISBN: 978-3-7494-9615-0

Der 1951 geborene Verfasser unternimmt eine literarische Reise in die eigene Vergangenheit und verarbeitet Erlebnisse und Erfahrungen seiner Lebensgeschichte. Man spürt den Texten an, wie um eine stimmige Erzählung gerungen wird. Dabei vermeidet der Autor bewusst, Fakten und Fiktion voneinander zu trennen. Im Schreibprozess geht es um die subjektive Aneignung der eigenen Erfahrungen, im Wissen darum, dass Ereignisse sehr unterschiedlich betrachtet und bewertet werden können.

Zentral ist die Beziehung zur Mutter Dora, die in unterschiedlichen Lebensphasen, bis zu ihrem Tod, thematisiert wird. Die Situationen und insbesondere die Stimmungen im Deutschland der 50er und 60erJahre werden darin sehr nachvollziehbar und transparent sichtbar. Sehr subtil erfährt die Leser*in, wie die Geschichte der Eltern und ihre Kriegserfahrungen Auswirkungen auf den Sohn Reinhard haben. Der Verfasser benennt später das Phänomen der Parentifizierung, das viele unmittelbar nach dem Krieg geborene Menschen kennen.

Die Prägung durch die Eltern und die Auseinandersetzung mit ihnen führen zu einer Identität, die durch die Suche nach stabilen, glücklichen Beziehungen und (vielleicht deshalb) einem andauernden Scheitern bestimmt sind. Die Ruhelosigkeit wird von Althoff in Texten beschrieben, die eine Reise von Manfred mit einem teuren, gemieteten Cabrio durch die Alpen schildern. Der Autor bezeichnet Manfred als sein alter Ego. Das Thema Männlichkeit spielt hier wie im gesamten Buch eine große Rolle. Autos und Frauen sind für Manfred  sehr wichtig; Attribute einer traditionellen Männlichkeit, die weder Manfred noch Reinhard besitzen oder verkörpern.

Im abschließenden biografischen Kapitel geht es dann, auch ein wenig selbstironisch, um Reinhards Versuche, Beziehungen über ein Datingportal zu knüpfen. Offensichtlich ist das kein Weg zum Erfolg, weil der gesuchte Frauentyp nicht im Angebot ist. Auch hier verschwimmen vermutlich Realität und Fiktion.

In drei Anhängen stellt der Autor Impulse zur Biografiearbeit dar. Er lädt zum Lebensrückblick unter der Überschrift „Aufräumen im Alter“ ein und präsentiert eine knappe Skizze für ein Fortbildungsmodul.  Das Buch schließt mit wenigen Literaturhinweisen.

Das Buch „Das grüne Velourssofa“ ist aus unterschiedlichen Perspektiven interessant: Es ist ein Beispiel für biografisches Schreiben, das sich nicht in der Aufzählung von Fakten erschöpft, sondern eine eigene literarische Form sucht. Das ist in weiten Passagen gelungen. Außerdem lädt der Text Menschen, die in den 1950er Jahren aufgewachsen sind, ein, eigene Erfahrungen zu reflektieren, zu erzählen und mit Reinhard Althoffs Geschichte(n) zu vergleichen. Die Theorieimpulse im Anhang machen Mut, sich selbst auf die Suche nach Möglichkeiten der Biografiearbeit zu machen.

Insofern wünsche ich „dem grünen Velourssofa“ viele neugierige und interessierte Leser*innen.

Thomas Schollas

 


 

Frühere Rezensionen:

Thomas Schollas über: "Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit." Heidelberg: Carl-Auer-Verlag von Ansgar Röhrbein (2019)

Sylvia Ruhland über "75 Bildkarten zur Biografiearbeit." von Hans-Georg Ruhe und Senta Opitz.

Thomas Schollas über "Mein Lebensbuch - für Kinder in Pflege- und Adoptivfamilien" (Klaus ter Horst & Karin Mohr)

Birgit Lattschar über: "Geschichten, die Mut machen: Ressourcenorientierte Biografiearbeit mit Eltern und Großeltern." Morgenstern, Isabel Ursula/ Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V.  Berlin: Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V.