Rezension

 

Ansgar Röhrbein (2019): Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag. 27,95 €

Biografiearbeit wird in immer mehr psychosozialen Arbeitsbereichen genutzt. Sie ist zu einem Qualitätsmerkmal sozialer und pädagogischer Arbeit geworden. Das macht auch der gerade erschienene schmale Band (168 S.) von Ansgar Röhrbein deutlich. Er lässt in seinem abschließenden Kapitel Fachleute aus verschiedenen Arbeitsfeldern, der Kinder- und Jugendarbeit, der Arbeit mit Erwachsenen und alten Menschen u.a. zu Wort kommen. Alle sehen Biografiearbeit als einen Gewinn für die Arbeit an. Es ist interessant zu sehen, wie sich der Einsatz und das Verständnis von Biografiearbeit bei den Interviewten unterscheiden. So wird im Bereich des Allgemeinen Sozialen Dienstes Biografiearbeit vornehmlich als „Anamnesemittel“ (S. 144) betrachtet in anderen Bereichen als Ressource und Resilienzfaktor.

Die ersten Kapitel des Buches bieten einen sehr komprimierten und dennoch gut leserlichen Überblick in die Theorie und Entwicklung von Biografiearbeit. Wer sich mit einzelnen Themen intensiver befassen will, wird im Literaturverzeichnis fündig, das die zentralen Veröffentlichungen der letzten Jahre beinhaltet. Es folgt eine kurze Darstellung der Verbindung zum systemischen Ansatz. Hier geht es wesentlich um die ressourcenorientierte, wertschätzende Haltung der Personen, die Biografiearbeit anleiten. Die Arbeit an der eigenen Haltung und die Vermittlung von methodischen Fähigkeiten und Kenntnissen sind Grundlagen zur Anleitung von Biografiearbeit. Das wird auch in dieser Veröffentlichung sehr deutlich.

Ansgar Röhrbein stellt 11 Methoden, von der Genogrammarbeit bis zum Fragenkatalog der „würdezentrierten Therapie“, ausführlicher vor. In den Fragen und Anleitungen scheint durchgängig seine systemische, wertschätzende Haltung auf.

Das Buch lohnt sich für Menschen, die sich einen schnellen Überblick verschaffen wollen, was Biografiearbeit ist und wozu sie dienen kann. Expert*innen werden angeregt, über Grundlagen der Biografiearbeit als eigenständigem Ansatz neben pädagogischen und therapeutischen Konzepten nachzudenken. Die Einführung mit ihren Betrachtungen zentraler Grundbegriffe (Biografie, Biografiesieren, Identität u.a.) gibt einen guten Eindruck über die theoretische Arbeit, der letzten 20 Jahre. Daneben sind vor allem die präzisen Anleitungen (Fragenkataloge) zu den einzelnen Praxisübungen herauszustellen. Da können Praktiker*innen im Blick auf die Verfeinerung ihrer eigenen Anleitungen gute Impulse bekommen.

Biografiearbeit ist ein weites Feld und es ist eine Herausforderung, auf wenigen Seiten elementare Themen zu benennen. Ansgar Röhrbein unternimmt den Versuch. Die historische Dimension in der „deutsche Biografien“ verortet sind und das Schweigen der Kriegskinder in ihrer Bedeutung für die Biografiearbeit werden auf drei Seiten dargestellt. Auch hier verweist er auf weiterführende Literatur.

Zwei weitere elementare Fragen für die Zukunft der Biografiearbeit werden explizit benannt: Die Voraussetzungen „der Fachkraft“, d.h. die fachliche Kompetenz für die Anleitung von Biografiearbeit und das „fließende“ Verhältnis von Biografiearbeit und Therapie. Konkrete Antworten darauf werden in der Zukunft ausführlich gegeben werden müssen. Ebenso wie die „Grenzen von Biografiearbeit“ im Blick auf mögliche Traumatisierungen, die der Autor an verschiedenen Stellen andeutet. In der Weiterentwicklung von Biografiearbeit als eigenständigem Arbeitsfeld wird es darauf ankommen, Qualitätsstandards genauer zu beschreiben und Antworten auf die im besprochenen Buch gestellten Fragen zu geben.

Thomas Schollas, 11.04.2019

 

Frühere Rezensionen:

Sylvia Ruhland zu "75 Bildkarten zur Biografiearbeit." von Hans-Georg Ruhe und Senta Opitz.

Thomas Schollas zu "Mein Lebensbuch - für Kinder in Pflege- und Adoptivfamilien" (Klaus ter Horst & Karin Mohr)

Birgit Lattschar zur: "Geschichten, die Mut machen: Ressourcenorientierte Biografiearbeit mit Eltern und Großeltern." Morgenstern, Isabel Ursula/ Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V.  Berlin: Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V.